Der Seekrieg vom 2. August 1914 bis 24. Februar 1915

 

 

Das Treffen an der Doggerbank

 

Als Deutsche und Österreicher zum Angriff auf die Karpathenpässe übergingen und Hindenburg sich anschickte, den russischen Nordflügel zu umfassen, kam es in der Nordsee zum ersten großen Treffen.

Das deutsche Kreuzergeschwader war am 23. Januar in See gegangen und steuerte spätabends mit nordwestlichem Kurs an Helgoland vorbei in der Richtung auf die Doggerbank gegen die englische Küste. Die kleinen Kreuzer „Kolberg“, „Rostock“ und „Graudenz“ bildeten die Vorhut, dahinter marschierte Hippers Hauptmacht, die Schlachtkreuzer „Seydlitz“, „Moltke“, „Derfflinger“ und „Blücher“, die von zwei Torpedobootflottillen begleitet waren. Ob man an einen neuen „Raid“ dachte oder nur auf Aufklärungsmanöver ausging, bleibe dahingestellt. Die Nacht verlief ruhig. Als der Morgen graute, stand das Geschwader nordwestlich von Helgoland in der Nähe der Doggerbank. Kurze Wellen, leichter Dunst und schwacher Wind verhießen einen günstigen Tag. Kurz darauf sichteten die kleinen Kreuzer  feindliche Zerstörer , die ihnen rasch entgegenliefen. Die ersten Schüsse rollten über die See. Sie schlugen an das Ohr Beattys, der mit seinen Schlachtkreuzern nördlich der Doggerbank stand. Er befahl allen erreichbaren Schiffen, sich am Kampf zu beteiligen. Um 8 Uhr wuchsen die Rauchsäulen der feindlichen Schlachtgeschwader über den Horizont. Als Hipper die Stärke des Feindes gewahr wurde, der mit voller Kraft herankam, schwenkte er auf Südostkurs, um Wind und Sonne für sich zu haben und den Gegner nach der deutschen Küste hinzuziehen. Darauf erhöhte Beatty seine Geschwindigkeit auf 27 Knoten und stürmte zum laufenden Gefecht auf parallelem Kurs heran. Der erste Geschwaderkampf begann. In diesem Kampf standen vier deutsche gegen fünf britische Schlachtkreuzer, und zwar „Seydlitz“, „Moltke“, „Derfflinger“ und „Blücher“ gegen „Lion“, „Tiger“, „Prinzess Royal“, „New Zealand“ und „Indomitable“. „Seydlitz“ und „Lion“ trugen die Admiralsflagge. Das deutsche Geschwader war nicht homogen gebildet und dem britischen weder an Gefechtskraft noch an Geschwindigkeit gewachsen. Der starke moderne Schlachtkreuzer „von der Thann“ war nicht zur Stelle, und „Blücher“ im Vergleich zu „Seydlitz“ und „Moltke“ ein schwacher Kämpfer. So wurde es für die Deutschen ein schwerer Kampf. Hipper marschierte in Kiellinie, die kleinen Kreuzer und die Torpedoboote sammelten sich außerhalb des Feuerbereichs seitwärts und vorwärts der Schlachtlinie und harrten des Augenblicks, da eigene oder Feindesnot sie zum Torpedoangriff rief. „Seydlitz“ führte, dahinter folgte „Moltke“, Schwesterschiffe, die 22000-23000 Tonnen Wasser verdrängten, als schwerste Stücke 10 Rohre von 28 Zentimeter Kaliber besaßen, eine Breitseite von 3276 Kilogramm Gewicht schleuderten und 28 Seemeilen liefen. Als drittes Schiff folgte „Derfflinger“, ein starker Kämpfer, frisch aus der Schmiede, von 26600 Tonnen Verdrang, mit 8 Turmgeschützen von 30,5 Zentimeter Kaliber und von überlegener Geschwindigkeit. Vermutlich lief „Derfflinger“ vor „Blücher“ um diesem schwachen , langsamen Schiff den Kampf zu erleichtern. „Blücher“ verdrängte nur 15800 Tonnen, führte als schwerste Waffe nur acht 21-Zentimeter-Geschütze und lief nur 25 Seemeilen. Beattys Flagge flog über den schönsten britischen Schlachtkreuzern. „Lion“ und Prinzess Royal“ verdrängten 26800 Tonnen, führte 8 Rohre von 34,3 Zentimeter Kaliber und warfen  eine Breitseite von 4536 Kilogramm; der Riese „Tiger“ verdrängte 28500 Tonnen, trug 8 Rohre von 34,3 Zentimeter Kaliber und besaß eine stärkere Mittelartillerie als seine Vormänner. Auch „New Zealand“ und „Indomitable“, die ein geringeres Ausmaß hatten und nur 19000 und 17600 Tonnen Wasser verdrängten, waren schwer bewaffnet. Sie brachten 8 Geschütze von 30,5 Zentimeter Kaliber zu Gewicht und warfen eine schwerere Breitseite als „Seydlitz“ und „Moltke“. Beatty wollte die Beschießung von Hartlepool und Yarmouth rächen. Bis zur äußersten Spannung aufgeheizt, stießen die britischen Schiffe durch die kurzgehende See. Um 9 Uhr fiel Beattys Probeschuß. Als der Pulverblitz das lange Rohr verließ, lagen noch 18000 Meter zwischen den rauchspeienden Geschwadern. Die Schiffsrümpfe waren erst zur Hälfte über den Horizont gestiegen, Der Schuß war zu kurz, überbrachte aber die Herausforderung zum Kampf. Die britischen Zerstörer nahmen das Zeichen wahr und hingen sich wie eine Meute an „Blücher“, um Hippers Schlußschiff festzuhalten. „Blücher“ erwehrte sich ihrer mit einigen Salven, geriet aber bald in den Schußbereich Beattys, der nun mit überlegener Geschwindigkeit an Hippers Schlachtordnung vorbeizog und sich allmählich auf gleiche Höhe mit der deutschen Linie setzte. Der schwache Ost trieb gewaltige Rauchmassen in das Schußfeld und erschwerte beiden Gegnern das Zielen. Trotzdem rollte Salve auf Salve über die graue See. Um 10 Uhr war das Gefecht in vollem Gange. Turmhoch sprangen die Wassersäulen beim Aufschlagen der Geschosse, Gasschwaden und Wasserstaub malten phantastische Erscheinungen in die Luft, gischtsprühend, feuerumzuckt rasten die Panzerkolosse durch die gepeinigte See. Der Brite nützte seine überlegene Geschwindigkeit, soweit ihm Hippers gesteigerte Fahrt dazu Raum ließ. „Blücher“ erhielt von dem vorbeifegenden Geschwader Beattys Salve auf Salve; „Lion“, „Tiger“, „Prinzess Royal“ und „New Zealand“ kamen nacheinander zum Schuß auf den unglücklichen Kreuzer, als sie in 16000 Meter Entfernung vorüberzogen, und jagten ihre Breitseiten in das verzweifelt fechtende Schiff. Es war verloren, wenn Hipper es nicht herausriß, aber daran war nicht zu denken, denn Hipper durfte die Fahrt nicht vermindern, sonst stellte ihm Beatty vermöge seiner überlegenen Geschwindigkeit ein Bein und schnitt ihn von seiner Grundstellung ab. So blieb es beim laufenden Gefecht, das von dem deutschen Geschwader unter Aufopferung des Kreuzers „Blücher“ durchgekämpft werden mußte. Vergebens sucht „Blücher“  sich dem Verhängnis zu entziehen. Die elektrischen Maschinen werden zerschossen, Finsternis überall, die nur von ausbrechenden Bränden erhellt wird. Durchlöchert wie ein Sieb, ein Gehäuse des Grauens, in dem Geschoßsplitter, Eisenteile, zerrissene Leiber  durcheinander-wirbelten, sackt das Schiff achteraus und versucht mit letzter Kraft nach Norden abzudrehen. Aber „Indomitable“ bleibt hinter ihm und schießt das in Rauch und Flammen gehüllte Wrack vollends zusammen. Bis zuletzt antworten „Blüchers“ Kanonen. Sie jagen zum Torpedoschuß ansetzende Zerstörer unter Verlusten zurück und verstummen erst, als das Schiff sich auf die Seite legt und die Geschütze auf der hohen Seite die Schlünde ohnmächtig gen Himmel kehren. Da ruft die Glocke die Überlebenden auf Deck. Eine letzte Meldung: „Sämtliche Maschinen versagen!“ erreicht den Admiral, dann naht das Ende. Zwei Torpedotreffer öffnen der Vernichtung den Weg ins Innere. Drei Hurra, zerrissene Klänge der „Wacht am Rhein“, und „Blücher“ geht auf den Grund der See. In mächtigem Schwall füllt das Meer den geöffneten Leib, der rote Kiel des langsam kenternden Schiffes taucht ans Licht, um langsam wieder zu versinken. Über die Bordwand gleitet der Rest der Besatzung ins Wasser. Von 900 Mann werden 200 von britischen Zerstörern gerettet. Unterdessen hatte Beatty Hipper eingeholt. „Lion“ und „Tiger“ richten ihre Rohre im Vorbeiziehen nacheinander auf „Derfflinger“, „Moltke“ und „Seydlitz“, dann stürmten die Geschwader auf parallelem Kurs in gleicher Höhe dahin und schleuderten sich Schlag auf Schlag ihre Breitseiten zu. „Lion“ und „Tiger“ bekämpften Hippers Flaggschiff, „Prinzess Royal“ und „New Zealand“ maßen sich mit „Moltke“ und „Derfflinger“. Auch „Indomitable“ suchte nach dem Ausscheiden „Blüchers“ wieder Anschluß an das Gefecht. Das deutsche Feuer vereinigte sich auf das feindliche Flaggschiff und traf es gut. Der Vormast brach, ein Schornstein sank, und um 11 Uhr schlug eine Granate in die Maschine und setzte eine Kesselanlage außer Betrieb. Auch Beattys stärkstes Schiff „Tiger“ erhielt schwere Wunden und begann abzufallen. Um 11 Uhr mußte der Brite seine Schlachtlinie ändern, denn „Lion“ und „Tiger“ begannen achteraus zu sacken. Admiral Hipper hielt seine vier Hauptkämpfer zusammen, war aber nicht imstande, die Lage zu übersehen und die Wirkung seiner trefflichen schweren Artillerie richtig einzuschätzen. Vielleicht machte die Preisgabe des Kreuzers „Blücher“ stärkeren Eindruck auf ihn als die Verschiebung in der feindlichen Schlachtlinie, über deren Bedeutung man an Bord der Deutschen nicht völlig im klaren war. Auch die deutschen Schiffe empfingen tiefe Wunden. „Seydlitz“ war eine Zeitlang von „Lion“ und „Tiger“ zugleich beschossen worden. Schwere Treffer zerschlugen die Aufbauten, und im Hinterschiff brach ein großer Brand aus, der Qualm und Flammen bis zur Höhe der Masten spie. „Derfflinger“ kam mit geringeren Beschädigungen davon. „Moltke“ war kaum getroffen worden. An dem kleinen Kreuzer „Kolberg“ wehten Rauch- und Flammenfahnen. Die Briten hatten stärker gelitten, als der deutsche Admiral ahnte, und die Waage stand um 11 Uhr nahezu im Gleichgewicht, obwohl „Blücher“ schon als Wrack achteraus sackte. Kurz nach 11 Uhr war die britische Schlachtordnung zerrissen. „Lion“ und „Tiger“ schoren aus. Da „Lions“ Maschinen zu versagen begannen, rief Beatty den Zerstörer „Attack“ heran und ließ sich von diesem zur „Prinzess Royal“ bringen, die unterdessen das Gefecht führte. Mit Mühe erreichte der Zerstörer das vorausstürmende Schiff, auf dem um ½ 1 Uhr Beattys Flagge stieg. Als Admiral Beatty die Brücke der „Prinzess Royal“ betrat, näherte sich das Treffen dem Ende. „Blücher“ war im Sinken, die Deutschen hatten nach Osten abgedreht, und Helgoland lag nur noch 70 Seemeilen östlich vom Ort des Gefechts. Beatty befahl daher, nach Norden abzudrehen, und trat den Rückmarsch an. Er kam aus schwerem Kampf. „Lion“ mußte von „Indomitable“ abgeschleppt werden. „Tiger“ lag mit starker Schlagseite im Wasser und erwehrte sich mühsam deutscher Torpedos.

So endete das erste große Treffen in der Nordsee seltsam genug. Die Deutschen entzogen sich dem Feind, der von Anfang an als Angreifer aufgetreten war, mit geringeren Beschädigungen, als dieser trotz seiner schweren Bestückung erlitten hatte, ließen aber ihr langsamstes Schiff auf der Strecke. Die Engländer handelten kräftig und geschickt, führten ihre Hauptmacht geschlossen an den Feind, schossen dessen schwächstes Schiff wie eine schwimmende Scheibe zusammen, vermochten aber die Schlachtordnung unter der Wucht des deutschen Feuers nicht innezuhalten und kehrten mit zwei verkrüppelten Schiffen heim. Das Gefecht war von beiden Seiten aufgegeben worden und ist im Grunde unentschieden geblieben.

 

Weitere Quellen:   http://www.deutsche-schutzgebiete.de/seeschlacht_auf_der_doggerbank.htm